Wirtschaft | Landwirtschaft

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Brasilien untersucht Auswirkungen der Biospritproduktion auf Umwelt und Gesellschaft

Von NGO Repórter Brasil | 16. Mai 2008

Bericht der NGO Repórter Brasil (Übersetz aus dem englischen)
Das original auf Englisch finden Sie unter:
www.reporterbrasil.org.br/biofuel/
www.reporterbrasil.org.br/documentos/brazil_of_biofuels_v1.pdf

 

Der Ende April diesen Jahres veröffentlichte erste Teil einer Studie der Nichtregierungsorganisation „Repórter Brasil“ über die Biospritproduktion und ihre Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft, warnt unter anderem vor der fortschreitenden Zerstörung Amazoniens. Der Bericht basiert auf Umfragen und Feldforschung auf einer 19.000 km langen Reise durch die brasilianischen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Paraná, Mato Grosso, Mato Grosso do Sul, Tocantins, Pará, Ceará, Bahia, Piauí und Maranhão sowie durch das Land Paraguay. Dieser erste Teil von drei Jahresberichten befasst sich mit der Soja- und Rizinusproduktion und beschreibt systematisch ihre Auswirkungen sowohl sozioökonomisch und arbeitsrechtlich als auch auf die Umwelt, auf indigene und herkömmliche Gemeinden. Der zweite Teil wird sich mit Mais, Baumwolle, Dendê- und Babassuöl befassen, der dritte mit Zuckerrohr und Pinienkernen. Die Studie beinhaltet Fallbeispiele, Karten, Daten und Statistiken aller untersuchten Problemkreise.

 

Soja

Die steigende internationale Nachfrage nach Biotreibstoffen stellt einen neuen Anreiz zur Erhöhung der Sojaproduktion in Brasilien dar. Es wird geschätzt, dass das Land noch dieses Jahr die USA als weltgrössten Soja-Exporteur überflügelt und in höchstens sechs Jahren über die grösste Anbaufläche des Produkts weltweit verfügt. Einerseits verhilft diese Expansion einigen Produzenten zur starken Erhöhung ihrer Gewinne und Brasilien zu mehr Devisen durch die Exporte, andererseits verstärken sich die negative Auswirkungen wie Abholzung von Wäldern, Kontaminierung von Flüssen, Landkonzentration und Ausbeutung der Arbeiter, vor allem in den Regionen des Cerrados im Mittleren Westen und Amazoniens.

Bislang wirkt der Hauptantrieb zur Expansion des Sojaanbaus indirekt. Die gestiegene Nachfrage in den USA nach Äthanol aus Mais hat für einen vermehrten Maisanbau sowie einen Expansionsstopp der Sojapflanzungen gesorgt. Dazu kommt die weltweit grosse Nachfrage nach Schrot, das als Futtermittel verwendet wird, wodurch die internationalen niedrigen Preise des Getreides wieder angestiegen sind. Angesichts dessen erhöhten die brasilianischen Sojapflanzer Ihre Produktion. Die Sojaernte 2007/2008 ist im Vergleich zu der davor um 20% im Norden Brasiliens (wo der grösste Teil der amazonensischen Wälder liegen) gestiegen und um 7,9% im Nordosten, besonders in den Regionen des Cerrados in den Bundesstaaten Maranhão, Piauí und Bahia. In Brasilien ist Soja der Hauptrohstoff für die Produktion von Biodiesel. Der momentane Verbrauch, der die obligatorische Beimischung von 2% im Dieselöl und die jährliche Produktion von 850 Millionen Litern Biodiesel decken soll, wird auf 3,5 Millionen Tonnen Soja geschätzt – eine allerdings immer noch zu geringe Menge, um tatsächlich die Getreidepreise zu beeinflussen.

Der Sojamarkt wird vorraussichtlich noch wachsen. Die starke Nachfrage wird weiterhin dafür sorgen, dass Weideland durch Pflanzungen des Getreides ersetzt werden wird, was wiederum dazu führt, dass sich - oft auf illegale Weise - entwaldete Flächen definitiv in Felder verwandeln, die Viehwirtschaft immer weiter in Richtung Amazonien gedrängt und noch mehr Kahlschlag betrieben wird. Brasilianische hydrographische Becken und ihre Artenvielfalt sind von dem Vorrücken der Sojapflanzungen auf Böden bedroht, deren Vegetation laut Gesetz bewahrt werden müsste, wie etwa die Galeriewälder. Dazu kommt die Kontaminierung der Flüsse, deren Quellen in landwirtschaftlich genutzten Gebieten liegen wie etwa im Parque Indígena do Xingu.

Es gibt sogar Fälle, wo Soja auf Land produziert wird, das offiziell vom brasilianischen Staat als Indianerreservate ausgewiesen und anerkannt sind, beispielsweise im Reservat Maraiwatsede der Xavantes im Bundesstaat Mato Grosso und in diversen Gebieten in Mato Grosso do Sul, in denen von jeher Guarani-Kaiowás leben.

Trotz der starken Mechanisierung des Sektors findet man auf Sojaplantagen bei der Säuberung des Geländes in der Vorbereitungsphase zum Pflanzen immer noch Sklavenarbeit. Die sogenannten „schwarzen Listen”, die das brasilianische Arbeitsministerium über die Unternehmer führt, die auf ihren Ländereien diese Art von Arbeit nutzen, zeigen, dass 5,2% der Sklavenarbeit mit der Sojaproduktion zusammenhängen. Viele Betriebe und Finanzinstitute bekämpfen zwar die Sklavenarbeit, doch gibt es immer noch Lücken, durch die Sojaproduzenten der „schwarzen Liste“ ihre Ware auf den Markt bringen.

Abgesehen davon, bestehen Probleme durch die geringe Schaffung von Arbeitsplätzen auf dem Land aufgrund der Mechanisierung der Produktion (ein bis vier direkte Arbeitsplätze auf je 200 Hektar) sowie bei den Arbeitsunfällen durch das Manövrieren von Landmaschinen und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die extrem stark genutzt werden sowohl in der herkömmlichen Produktion als auch bei der gentechnisch veränderten Pflanzen. Die Zahlen der Landarbeiter und der Bevölkerung die in unmittelbarer Nähe von Plantagen lebt und Vergiftungserscheinungen durch Pflanzenschutzmittel verzeichnen, sind steigend. 2005 suchten 6870 von ihnen ärztliche Hilfe. Der Expansionsprozess der Soja, der auf einem Modell von riesigen mechanisierten Ländereien beruht, provoziert zunehmende Landkonzentration und Landflucht. Obwohl die Sojaproduktion gestiegen ist, hat sich die Zahl der das Getreide produzierenden Betriebe im vergangenen Jahrzehnt um 42% verringert. Bei anderen Produkten gab es eine Minderung von 16,3% im selben Zeitraum. Der Expansionsprozess geht nicht friedlich ab, sondern bildet den Hintergund für 16 Konflikte im Bundesstaat Mato Grosso im vergangenen Jahr, von mindestens 18 der 38 Konflikte in Paraná und zumindest von zwei der 105 Konflikte in Pará.

Auch wenn es einerseits noch früh ist, um das Gewicht abzuschätzen, das die Biokraftstoffe bei den Preisen der landwirtschaftlichen Commodities einnehmen, kann man andereseits bereits daraus schliessen, dass die steigende Nachfrage nach ihnen Druck auf die Lebensmittelproduktion ausüben wird und das in einem Moment, in dem Produkte wie Soja, Mais und Weizen Rekordpreise erreicht haben. Der Internationale Währungsfond kalkuliert eine Preiserhöhung der Lebensmittel von 30,4% von November 2004 bis Dezember 2007. Biotreibstoffe werden nicht den Hunger in der Welt erschaffen, da ja bereits Hunderte von Millionen Menschen täglich Hunger leiden. Sicherlich aber werden sie das Problem noch verschlimmern.

Die vorliegende Studie, über Brasilien und seine Produktion von Biotreibstoffen, kann in der momentanen delikaten Situation dafür sorgen, dass negative Auswirkungen identifiziert und aufgehalten werden können. Eine der Empfehlungen an die Regierung ist beispielsweise das Streichen der Finanzierungen und Umschuldungen für Unternehmer, die verantwortlich für die Auswirkungen wie Umweltschäden sind. Daneben soll die Expansion landwirtschaftlich genutzter Flächen im Cerrado und in Amazonien nicht erlaubt werden ohne Studien, die beweisen, dass sozial und umwelttechnisch keine Schäden entstehen werden, dass die lokale Bevölkerung befragt wurde und dass die ernährungstechnische Unabhängigkeit garantiert ist. Unternehmern wird extreme Vorsicht bei der Auswahl ihrer Lieferanten sowie beim Verhalten der eigenen Betriebe geraten.

 

Rizinus

Mit dem Start des Nationalen Programms zur Produktion und zum Nutzen des Biodiesels (PNPB) im Jahre 2004 richten sich alle Blicke wieder auf den Rizinus, der von der brasilianischen Regierung zum Zugpferd seiner Politik der sozialen Integration der Familienbetriebe in die Produktionsprozesse von Biokraftstoffen gemacht wurde. So erhält die Biodieselindustrie von der Regierung Steuervorteile beim Kauf Rizinus, der von Familienbetrieben - vor allem aus dem semiariden Nordosten - produziert wird.

Das Projekt brachte jedoch den Kleinbauern noch keine konkrete Resultate, vor allem nicht denen in den Bundesstaaten im Nordosten Brasiliens. Trotz der Bemühungen der Regierung, die Pflanzung von Rizinus zu fördern, ist seine Produktionskette noch immer stark an private Projekte der Biodieselindustrie gebunden und weit von den Bedürfnissen der Familienbetriebe entfernt, was zu Missverständnissen zwischen dem landwirtschaflichen und dem verarbeitendem Sektor führt. Aber es gibt Ausnahmen: Wenn organisierte Bauern die Produktionskette übernehmen und ihre eigenen Kriterien für Verarbeitung und Kommerzialisierung anwenden können, dann zeigt sich der Rizinus sehr wohl als Alternative, die einen sozial, umwelttechnisch und wirtschaftlich nachhaltigen Verdienst einbringt.

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