Die Pferdehaltung gewinnt in Brasilien mehr und mehr an Bedeutung. Die dort gezüchteten Tiere sind wertvoller geworden und die Anzahl der Veranstaltungen nimmt zu, da die Zuchtverbände immer mehr in Verbreitung, Ausstellungen und Auktionen investieren.
Heutzutage gibt es in Brasilien rund 6 Millionen Pferde und weitere 3 Millionen Maultiere und Esel. Die wichtigsten Zuchtgebiete befinden sich im Südosten, Nordosten und Süden des Landes.
Die Geschichte des Pferdes in Brasilien
Die ersten Pferde kamen im Zuge der spanischen Besiedlung im Jahre 1493 mit Columbus während seiner zweiten Reise auf den Lateinamerikanischen Kontinent. Von Hispaniola, der heutigen Dominikanischen Republik, aus, wurden zunächst die benachbarten Inseln Puerto Rico, Cuba and Jamaica und von dort der gesamte amerikanischen Kontinent besiedelt.
Von Zentralamerika gingen zwei unabhängige Migrationswellen aus: eine südwärts nach Kolumbien und Peru, Chile und Bolivien; die andere nordwärts, unterstützt durch die später dazustoßenden Ankömmlinge, die mit Cortez in Mexiko angekommen waren. Sie betraten den Westen der USA.
In Südamerika erreichte eine Gruppe von Pferden 1535 Buenos Aires mit Pedro Mendoza. In Folge der Zerstörung der Argentinischen Hauptstadt durch die Eingeborenen entkam eine große Gruppe von Pferden und bildeten die Grundlage vieler Herden der Cimarrones oder Baguales, die später die Vorfahren der Criollos wurden. 1541 landete Cabeza de Vaca auf seinem Weg nach Paraguay mit einigen Pferden an der brasilianischen Küste in Santa Catarina. Um welche Rassen es sich bei diesen Pferden gehandelt hat, kann heute niemand mehr mit Sicherheit sagen, der größte Teil werden aber Berber, einfache Landpferde und Ponys gewesen sein.
Brasilianische Pferde, sowie die anderen Pferde des Kontinents, sind das Produkt von Kreuzungen zwischen afrikanischen, hauptsächlich arabischen und europäischen Rassen.
Pferderassen in Brasilien
Mangalarga Marchador
Die Rasse Mangalarga Marchador hat ihren Ursprung in Brasilien, im Bundesstaat Minas Gerais. Dort begann João Francisco Junqueira, Baron von Alfenas 1821 seine Zucht mit einem Altér Real Hengt und einigen Crioulo- und Berber-Stuten. Sein Zuchtziel war ein Pferd, das besonders trittsicher, menschenbezogen und weich im Gang sein sollte.
Der Mangalarga Marchador beherrscht neben den Gangarten Schritt und Galopp eine weitere Gangart, die in der Regel den Trab ersetzt, die Marcha. Dieser, für die Rasse charakteristische Gang (daher auch „Marchador“) lässt sich unterteilen in die Marcha Batida (Trabtölt), einen zum Trab hin verschobenen Gang und die Marcha Picada (Tölt bis Passtölt), einen Viertakt, der auch leicht zum Paß verschoben sein darf. Neben reinen Passgängern werden Marchadores die ausschließlich traben, in Brasilien von der Zucht ausgeschlossen.
Ein typischer Marchador zeichnet sich durch große Ausdauer bei mittlerem Tempo, Regelmäßigkeit des Ganges, viel Raumgriff und eine flache Aktion in der Vorhand aus. Spektakuläre Gänge und die tölttypische Einbeinstütze sind nicht erwünscht.
Es kommen alle Farben vor, wobei in Brasilien Schimmel prozentual überwiegen. Falben und Braune sind weniger häufig und eher selten sind Füchse und Rappen. Marchadores haben eine durchschnittliche Größe von 1,50m und finden aufgrund ihrer Schönheit, ihres Charakters und ihrer guten Ritteigenschaften mittlerweile sehr viele Liebhaber.
In Europa leben ca. 400 Marchadores, der größte Teil von ihnen in Deutschland. Seit sie 1987 zum ersten Mal auf der Equitana präsentiert wurden, reißt das Interesse an ihnen nicht mehr ab und nicht umsonst werden sie als „o cavalo sem fronteiras“ – das Pferd ohne Grenzen bezeichnet.
Campolina
Der Campolino, ebenfalls ein Brasilianer, ist eine schwere Variante des Mangalarga. Er ist ein geländegängiger, ausdauernder und trittsicherer Tölter. Seine große Härte und Widerstandskraft macht ihn zu einem ausgezeichneten Distanz-Pferd. Die Rasse ist nach dem Farmer Cassiano Campolina benannt, der 1870 im Süden von Minas Gerais seine Pferdezucht begann. Das Ziel von Cassiano Campolina war ein elegantes, agiles, belastbares und schönes Pferd zu züchten, um die Nachfrage des Marktes zu bedienen.
Der Hauptbeschäler namens Monarca war eine Mischung aus Andalusier und einheimischen Pferden. Mit ihm begann die Bildung der Rasse, die zu Ehren ihres Gründers als Campolina bezeichnet wird.
Paulista
Die Rasse der Paulista entstand vor 200 Jahren, als Lusitanos und andere portugiesische Pferde nach Brasilien gelangten. In der flachen Gegend um São Paulo entwickelten sie eine Gangart mit diagonaler Fußfolge, die eine Mischbewegung zwischen Trab und Tölt darstellt und besonders angenehm zu sitzen ist. Paulista-Pferde sind sehr ausdauernd und widerstandsfähig. Ihre Größe beträgt um die 150 cm. Es kommen alle Farben vor, vorwiegend aber Braune und Füchse.
Crioulo
Crioulos sind südamerikanische Pferde und in verschiedenen Typausprägungen in Argentinien, Uruguay, Chile, Brasilien, Paraguay vertreten. Sie zeichnen sich durch große Zähigkeit, Genügsamkeit, Ausdauer, Wendigkeit und extreme Trittsicherheit aus und sind das Produkt 400 Jahre natürlicher Auslese unter den rauhen Bedingungen der südamerikanischen Pampa.
Die Heimat der Crioulo Rasse ist der Süden von Brasilien nahe der Grenze zu Uruguay. Der Crioulo ist wie die anderen Pferde des Kontinents das Produkt von Kreuzungen zwischen afrikanischen, hauptsächlich arabischen und europäischen Rassen. Seine Abstammung vom Berber-Pferd ist ziemlich offensichtlich. In Brasilien wird er als Ranchpferd eingesetzt. Grundsätzlich werden Crioulos ganzjährig auf der Weide gehalten.
Mestizos sind mehr oder weniger criollotypische Pferde, meistens Mischungen mit Vollblut, Kaltblut aber auch mit Warmblutrassen. Diese Pferde sind die am häufigsten in Südamerika verwendeten Arbeitspferde, die dort hauptsächlich von Gaúchos geritten werden. Importierte Mestizos werden nach wie vor gut verkauft, weil sie viel günstiger sind als reine Criollos.
Reinrassige Crioulos sind in Südamerika als reine Freizeitpferde und Statussymbole der Patrons einer Estancia in viel höherem Grade domestiziert als ein Mestizo, sie werden problemlos von Kindern geritten, genauso bei langen Ritten, wie auch bei Wettkämpfen in verschiedenen, typisch südamerikanischen Disziplinen.
Lusitano
Das Iberische Pferd hat über Jahrhunderte als reine Linie überlebt, jedoch bildeten sich Unterschiede in Größe, Typ und Nutzung in vielen Regionen von Portugal und Spanien.
1967 wurde das portugiesische Stutbuch (Livro Genealogico Portugues de Equinos) offiziell von der Portugiesischen Vereinigung der Lusitano-Züchter (Associação Portuguesa de Criadores do Cavalo Puro Sangue Lusitano - APSL) eingeführt. Nach der Unterteilung in Lusitano- und Spanische Stutbücher unterzeichnete die Vereinigung der Brasilianische Lusitano-Züchter (Associação Brasileira de Criadores do Cavalo Puro Sangue Lusitano – ABPSL) 1991 eine Vereinbarung mit der APSL. Demnach werden alle in Brasilien gezogenen Lusitanos automatisch in das portugiesische Stutbuch aufgenommen. Die brasilianischen Lusitanos sind so weltweit akzeptiert.
Es ist wenig über den Lusitano in Brasilien nach seiner königlichen Einführung im 19. Jahrhundert bekannt. Es tauchte erst 1974 wieder auf, als Mr Antonio de Toledo Mendes Pereira die Pferde aus Portugal mitbrachte. Im Juni 1995 hatte die brasilianische Vereinigung 163 Mitglieder, am Ende des selben Jahres waren bereits etwa 3500 reinrassige Lusitanos registriert, von denen zwei Drittel in Brasilien geboren waren.
Heutzutage gibt es in Brasilien mehr Lusitanos als irgendwo anders in der Welt. Dabei ist die Qualität der Pferde mindestens so gut wie in Portugal, da einige der besten Tiere aus Portugal eingeführt wurden und die Pferdezucht in Brasilien eine große technische Entwicklung durchlaufen hat.
Reitsport in Brasilien
Rodrigo Pessoa
Rodrigo Pessoa, Sohn des berühmten Nelson Pessoa, begann seine Karriere 1992, als jüngster Reiter bei den Olympischen Spielen in Barcelona, wo er den neunten Platz in der Einzelwertung belegte. Das war der Anfang seiner Springreiter-Karriere. Mit der brasilianischen Equipe gewann er 1995 die Panamerikanischen Spiele, 1996 bei Olympia in Atlanta holte er Mannschafts-Bronze.
Der Brasilianer mit Wohnsitz in Brüssel ist der jüngste Weltmeister seit Einführung des Championats 1953, denn bei seinem Titelgewinn 1998 in Rom auf dem Holsteiner Lianos war Rodrigo Pessoa 25 Jahre jung.
In Sydney gewann er mit dem Team die olympische Bronzemedaille. Auf dem fast sicheren Ritt zum Gold in der Einzelwertung verweigerte sein Hengst Baloubet du Rouet dreimal am Einsprung zur Zweifachen Kombination, so dass er letztlich Platz 4 belegte. Als einziger Springreiter gewann Rodrigo Pessoa den Weltcup dreimal in Folge – 1998, 1999 und 2000. Seit Juni 2001 gehört der Brasilianer als Teamleader dem in Aachen erstmals präsentierten World Team an. In seinem Heimatland Brasilien ist er ein Nationalheld. Pessoa löste im November 1999 seinen World-Team-Kollegen Willi Melliger als Weltranglisten-Ersten ab und hielt diese Position mehr als zwölf Monate.
Im August 2004 gewann er Silber in der Einzelwertung bei den Olympischen Spielen in Athen. Weitere zahllose Erfolge im Springreiten untermauern seine internationale Ausnahmestellung.
Polo
Polo wurde in den 30er Jahren nach Brasilien gebracht, entwickelte sich aber erst zunehmend in den 40ern und erreichte den Höhepunkt seiner Beliebtheit in den 70er Jahren, durch von der Regierung veranlasste Vereinfachung des Imports guter Polo-Pferde und des zunehmenden Austausches mit Züchtern und Reitern aus Argentinien, die auch heutzutage noch die Weltspitze des Polo-Sports in Lateinamerika beherrschen, sich jedoch inzwischen mit Brasilien packende Duelle um die Führung liefern .
Heutzutage hat der Sport etwa 500 aktive Teilnehmer in Brasilien, davon 50% im Bundestaat São Paulo. Die anderen stammen aus Rio Grande do sul, Rio de Janeiro, Minas Gerais und Brasília.
Die Region Helvetia im Distrikt Indaiatuba, 100km von der Grande São Paulo entfernt, hat die größte Konzentration an Polo-Zentren in Brasilien. Der gesamte Bezirk verfügt über 22 offizielle Polo-Felder, die über private Höfe und Clubs verteilt sind, die das ganze Jahr über zahlreiche Turniere veranstalten. Das zweitgröße Zentrum ist Orlandia in der Nähe von Ribeirão Preto, wo der Sport von der Familie Junqueira eingeführt wurde. Die Saison beginnt im März und endet im November. Turniere finden jedes Wochenende statt.
Reiterreisen
Vor 15 Jahren hat das unter Deutscher Leitung stehende Reiseunternehmen „Riding Brazil Horseback Adventures“, mit Sitz in Rio de Janeiro, Reiterreisen in Brasilien eingeführt. „Riding Brazil“ bietet Reittouren in verschiedenen Landschaftsräumen an, von der subtropischen Bergwelt Südbrasiliens bis hin in das tierreiche Pantanal, wo Tiersafaris zu Pferde sehr gefragt sind. Diese Touren, Trails, Wander-und Sternritte, vermitteln neben dem Umgang mit dem Pferd, authentische Eindrücke von Kultur und Traditionen im Brasilianischen Hinterland und eröffnen dem Gast faszinierende Landschaften, die in den üblichen Reiseprospekten so gut wie nie präsentiert werden. Dabei werden regionale Rassen, wie Crioulos, Mangalargas oder Campolinas und deren Einkreuzungen bevorzugt geritten. Riding Brazil bietet jedoch auch Polokurse, Besuche und Aufenthalte auf Gestüten sowie Fotoreisen an. Informationen sind einzusehen unter http://www.ridingbrazil.de/ und Anfragen können an
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